Theos Stichpunkt August 1997

Der allgemeine Regulierungs-Wahnsinn

Standardisierungen sind in allen Bereichen der Informationstechnik und speziell auch in der Softwaretechnik dringend erforderlich. Aber Standardisierung sollte dazu da sein, liebe Leserin, lieber Leser, letztendlich Freiräume zu schaffen und nicht gängelnd zu wirken. Standardisieren hat in diesem Sinne nichts mit Regulieren zu tun. Tatsache ist, daß Standardisierung und Regulierung je nach Handhabung unterschiedliche Effekte haben. In letzter Zeit wird immer mehr Nichtwissen produziert und die Kommunikation im Arbeitsprozeß reißt durch mißverstandenes "Lean Management" und überzogene Kostenbeschneidung ab. Oft führt Kosteneinsparung zur Wissens- und Ideeneinsparung. Wenn nichts mehr hilft, wird der kümmerliche Rest überreguliert. Die staatliche Regelementierungs- und Gesetzesflut mit der Bevormundung des Bürgers ist ein augenfälliges Beispiel. Fehlende Konzepte sowie Macht- und Profilierungssucht äußern sich zwanghaft in Aktionismus. Es werden Regelungen am laufenden Band ohne inneren Zusammenhang produziert.

Doch zurück zur Informationstechnologie. Neben anderem werden unsere beiden neuesten und vielversprechendsten Ansätze, nämlich die Objektorientierung und die Internet-/Intranet-Systeme zum Opfer der allgemeinen Regulierungswut. Hierzu einige Beispiele:

  • Bei der Objektorientierung fängt der Unsinn bei dem Streit an, welche Notation die bessere ist. Hier wird ein Hilfsmittel mit dem methodischen Ansatz verwechselt. Die "Gurus" mischen kräftig mit. Es sollte doch allgemein bekannt sein, daß ein noch so guter Notenschreiber noch lange kein begnadeter Komponist sein muß. Die Objektorientierung muß zuerst verstanden und dann notiert werden. Eine Notation dient dazu, das Gedachte zu vermitteln und schließlich nicht zu vergessen, sie ist ein Darstellungs- und Dokumentations-Hilfsmittel.
  • Das Intranet ist dem Sinn nach ein offenes internes Netzwerk zum freien Informationsaustausch innerhalb eines Unternehmens. Es läuft aber Gefahr, von den eingesessenen Stempelschwingern okkupiert zu werden, die dort alles reglementieren wollen, was den Mehrwert ausmacht. Zugegeben, es kann Teile geben, die nicht der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden sollten und es müssen Arbeits- und Dienstanweisungen von Arbeitsergebnissen und Meinungen unterscheidbar sein. Aber dazu müssen und können einfache und einsichtige Leitlinien genügen.
  • Das Internet, also der Firmenauftritt nach außen, sollte natürlich als Erscheinungsbild des Unternehmens gegenüber dem Kunden einheitlicher gestaltet werden als das Intranet. Hier treten die Hüter des "Corporate Design" gerne als große Regulierer auf. Das Corporate Design ist jedoch ein Hilfsmittel zum Erkennen der Firma von Seiten des Kunden und kein Selbstzweck. Die Marketingverantwortlichen sollten wissen, was sie mit dem Internet-Auftritt bezwecken wollen und daß er nicht mit den Printmedien verglichen werden kann. Im Internet kommen wegen der Unterschiedlichkeit des Transport- und des Präsentationsmediums ganz andere Aspekte zum Tragen (siehe auf Beitrag: Gestaltung im Internet und Intranet: "Print-Expertise" taugt nur bedingt). So kann beispielsweise die von den Hochglanzprospekten gewohnte feine Rasterung einer Graphik unzumutbar lange dauernde Datenübertragung verursachen. Andererseits muß eine Gliederung im Hypertext ganz anderen Anforderungen genügen als eine gedruckte Broschüre. Zudem dürfen ein aufwendig gestyltes Logo und nichtssagende Bilder nicht auf jeder Seite Platz für Informationen versperren. Das Corporate Design ist nicht zwischen den Medien übertragbar. Es ist jeweils neu auf Wirksamkeit und Effizienz zu prüfen sowie auf Basis der mehrdimensionalen Anforderungen der Gestaltung, der Technik und des Kunden-Equipments zu optimieren. Das Corporate Design verkommt bei Übertreibungen leicht zum "Kabarett-Design".

Künftige Standardisierungen müssen in ihrer Sinnhaftigkeit geschlossene Entwurfsmuster sein, die Einsichten vermitteln und als Beispiel dienen. Sie können über mehrere Ebenen hinweg vervollständigt und ausgebaut werden. Dies sind Betätigungsfelder für mitdenkende Mitarbeiter, die sich und ihre Tätigkeit dabei weiter qualifizieren. Bestehende und neue Strukturen werden hinterfragt und nicht plattgewalzt. Mitarbeiter werden nicht bevormundet, sondern aus der Reserve gelockt. Ideen sind wieder gefragt.

Ihr Theo Saleck



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