Theos Spotlight Juni 1997

Das WEB leidet an hausgemachter Verstopfung

Ist WWW, das World Wide Web immer noch das Synonym für die große Freiheit und die unbegrenzten Möglichkeiten in Sachen Information? Oder haben die Zeitgenossen recht, die das Kürzel WWW als Welt-Weites Warten interpretieren?

Das Web hat in der letzten Zeit einen kometenhaften Aufstieg erlebt. Genauso haben sich die verschiedenen Möglichkeiten und Werkzeuge zur Darstellung entwickelt. Wirklich, das Web wird zur multimedialen Plattform. Leider wird oft die Netzsituation übersehen, mit der der durchschnittliche Anwender zu kämpfen hat. Die Netze bestehen nicht nur aus Information Highways, sondern auch aus Leitungen zum Anwender, und die haben eine Kapazität von 9,6, 14,4 oder in Ausnahmefällen 64 Kbit/s. Sogar die Diensteanbieter verfügen untereinander nur über endliche Kapazitäten.

Und trotzdem, die Anbieter, mögen es nun Software- oder Hardwarehersteller, Banken, Versicherungen oder nur "einfache" Firmen oder Freaks sein, schwelgen in einem Rausch von Graphik, Farbe und Schattierungen. Möglichst bunt in True Color und Fotoqualität muß es sein, auch wenn es nur Arabesken ohne Informationswert sind oder ein Firmenname, der dem Internet-Surfer selbst als .GIF oder .JPG noch mit 70 KB über die Leitung flattert. Zudem sind Seitenkonstruktionen zu bewundern, die anscheinend darin wetteifern, wer die meisten und aufwendigsten Graphiken in einen einzigen Aufruf reinpackt. So entstehen Marathon-Datenströme, der Anwender sitzt derweil vor seinem Bildschirm und wartet und wartet.

Wenn Sie jetzt meinen, dies seien Leute, die das Metier nicht beherrschen, dann setzen Sie sich mal vor den Bildschirm und rufen einige der erwähnten Branchen auf. Die Mode geht in Richtung "Pomp and Cirumstances", während das Netz das Aschenputtel ist. Das Web leidet buchstäblich an hausgemachter Verstopfung.

Dieser Massentrend ist aber nicht so einfach wieder auf ein verträgliches Maß zurückzuführen. Die bunte Welt wird überall vorgemacht, die Werbeagenturen verdienen sich eine goldene Nase und die Entscheider sind beeindruckt. Der Nutzer dagegen wird eher frustriert und nach einer ersten Neugierphase werden die Hits geringer. Dies stört aber die "Macher" kaum, da sie sich schon wieder dem nächsten Blendwerk zugewendet haben.

Für ein wirklich gutes kommerzielles Internet-Business sind die Spielereien mit überstylten Bildern, die den Kunden durch den Click auf mehr oder weniger auffällige "Hot Spots" in virtuelle Bürowelten entführen, nur ein kurzlebiger Effekt. Viel wichtiger ist eine gute und immer aktuelle Informationspflege mit einem aussagekräftigen News-Dienst, der auf interessante Neuheiten hinweist. Die graphische Unterstützung darf natürlich nicht zu kurz kommen, sollte sich aber mehr auf die Informationsvermittlung als auf Showeffekte konzentrieren. The Show must go on, doch ohne fundierte Basis wird sie leicht fad. Der Möglichkeiten, aussagekräftige und in der Netzbelastung ökonomische Graphiken zu erstellen, sind etliche, der Ersteller muß sich nur dessen bewußt sein und danach handeln. Auch die Verkürzung der Wartezeiten ist ein Element der Kundenorientierung.

Die gleiche Probleme haben die firmeninternen Intranets. Außer guten Inhouse-LANs existieren in vielen Firmen besonders in der Fläche noch alte Leitungsnetze mit geringer Übertragungskapazität. Auch hierüber sollten die Segnungen der Intranet-Technologie genutzt werden können. Dies verlangt viel Geschick und Selbstdisziplin. Manchmal höre ich als Gegenargument, der Nutzer habe ja die Möglichkeit, die Graphiken auszuschalten. Ich halte dieses Argument für baren Unsinn. Wenn man mit ausgeschalteten Graphiken arbeiten kann, sind diese ohnehin überflüssig.

Der rationelle Weg geht in Richtung einer geschickten Aufteilung der Daten mit einer intelligenten Dialogführung. Größere Graphiken werden als verkleinerte Icons in den Text eingefügt und können bei Bedarf durch Mausklick angezeigt werden. Mit Animationen ist sparsam umzugehen. Um so besser wirken sie dann an den Stellen, an denen sie berechtigt sind. Bis wir alle an den großen Highway angeschlossen sind, müssen wir Kompromisse eingehen und auch die Anbieter entsprechend ausbilden.

Ihr Theo Saleck



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